Zimmerer: Nägel mit Köpfen

Wie reagiert traditionsreiches Handwerk auf ständige Veränderungen und Trends? Ein Zimmermannsbetrieb bei Bad Krozingen findet darauf kluge Antworten und stellt sich für die Zukunft auf.

Rudi Raschke

Was heute in fünf Jahren passiert, fand früher in 50 Jahren statt“, sagt Heiko Dietzenbach über die Herausforderungen unserer Zeit. Er ist einer der Chefs der Firma Wolf Holzbau, die im Bad Krozinger Ortsteil Hausen an der Möhlin angesiedelt ist. Und dort demnächst noch einmal eine Produktionshalle von der Größe der bestehenden anbauen wird.

Weil die Zeiten zwar schnelllebig sind, aber Dietzenbach und sein Onkel Jürgen Wenz, der das Unternehmen 1993 übernahm, erkannt haben, dass jetzt eine gute Zeit für Investitionen ist. Es ist erstaunlich, wie sehr sich zentrale Veränderungen der heutigen Arbeitswelt ausgerechnet in diesem Holzbau-Unternehmen abbilden. Hier ist unübersehbar, welche Umwälzungen mit Digitalisierung, Wohnungsnot oder Ökologie einhergehen.

Bei Wolf Holzbau wird das als Chance betrachtet, in nur wenigen Unternehmen der Region dürfte derzeit öfter der Begriff „Zukunft“ fallen. Heiko Dietzenbach führt aus der Fertigungshalle ins Freie, wo ein Großteil von 74 Modulen für Mutter-Kind-Unterkünfte gestapelt steht. Stabile Provisorien, vergleichbar mit den Flüchtlingsunterkünften, die seine Firma ebenfalls in Freiburg gebaut hat.

Dietzenbach zeigt die Fertigung und das Ergebnis gern als Exemplar des wohl wichtigsten Markts für sein Handwerk: Dass es sich darauf einstellen wird, dass viele von Mehrfamilienhäusern sprechen, die aus Holz gefertigt sind, nicht mehr aus Beton. Seine Rechnung ist klar: „Schon jetzt sind 30 Prozent aller Einfamilienhäuser aus Holz gebaut, aber erst drei Prozent der Mehrfamilienhäuser.“

Genau das gibt ihm die Sicherheit, hier künftig „Akzente setzen“ zu können, weit mehr als in einem Markt, der zu 90 Prozent gesättigt ist. Hinzu kommt, dass große Holzbauten ein Trendthema sind – in Norwegen entsteht gerade ein 85-Meter-Holzhaus, in Wien ist mit einem Meter weniger eines bereits in der Fertigstellung. Und dass Holz als Baustoff im Vergleich mit Beton ungefähr die Sympathiewerte eines Labradors neben einem Alligator aufweist. Nicht zuletzt wegen der Umwelteigenschaften: recycelbar, nachwachsend, ohne Entsorgungsprobleme.

„Es muss etwas passieren“, sagt Dietzenbach, der den Holzbau eben auch bei Attraktivität und Gestaltungsmöglichkeiten vorne sieht. Als Beleg nennt er das recht gesichtslose, variantenarme Betonquartier „Güterbahnhof Nord“ in Freiburg. Die Digitalisierung ist dabei sein Treiber: Schon jetzt ermöglicht sie eine genauere Vermessung, beispielsweise bei Aufstockungen in Holzbauweise, aber auch eine Arbeit mit digitalen Plänen auf Tablets für seine etwa 30 Zimmerleute.

In Zukunft wird sie Architekten und Ingenieuren bei der Planung von Holzaufbauten und Wänden und der Berechnung von deren Statik dienen. Und damit auch preislich einen Ausgleich zum traditionellen Bauen schaffen, das hier und dort noch um einige Prozent günstiger abschneidet. Ökologischer ist vor allem die Fertigung am Produktionsstandort und später die wenig verkehrsintensive Montage am Standort. Immer weniger seiner Mitarbeiter wird er künftig auf Baustellen schicken müssen, sagt Dietzenbach.

Arbeiten werden gut 90 Prozent von ihnen in der Produktion, dies übrigens mit regionalen Materialien, meist Fichte, Tanne und anderen Nadelhölzern. Heiko Dietzenbach, der in der traditionellen Zunfthose empfängt, ist mit 30 Jahren ein moderner Vertreter seines Berufsstands: Nach der Ausbildung und der Gesellenzeit besuchte er die Meisterschule, sattelte später den Betriebswirt und den Betriebsmanager drauf, seinen Energieberater erwähnt er nichtmal, auf der Holzbauuniversität in Rosenheim hat er bis letztes Jahr Lehrgänge absolviert.

Wolf Holzbau, sein Unternehmen, kann bereits heute bis zu drei, vier Geschosse hoch bauen, in Zukunft sollen es sechs bis sieben sein. Zu den aktuellen Projekten zählen das Hotel des Feldkircher Bohrerhofs in Holzbauweise, aber auch ein Zehn-Familienhaus am Ort in Hausen. Eine Reihenhaussiedlung aus Holz ist dort bereits verwirklicht, Dietzenbach empfiehlt die Besichtigung, weil anhand der unterschiedlichen Stockwerke zu sehen ist, dass sich Holz offen wie verputzt herzeigen lässt.

Mit einer Größe von 50 Mitarbeitern zählt Wolf Holzbau zu den starken Betrieben seiner Branche in der Region, die Übergabe von Jürgen Wenz an seinen Sohn, der gerade in Ausbildung ist, und eben seinen Neffen Heiko Dietzenbach, ist als Prozess in die Wege geleitet. Zur Zukunft gehört allerdings nicht nur die Bindung von Personal und Nachfolgern, sondern auch der Kunden.

Gerade im amazon-Zeitalter, wo jeder alles auf den nächsten Tag bestellen kann, käme es künftig darauf an, einen Kundentermin möglichst innerhalb von 24 Stunden abzuhalten, ein Angebot binnen 48 Stunden abzuschicken. Der „Ich schau mal vorbei“- Handwerker hat auch in Zeiten voller Auftragsbücher wenig Aussichten aufs Überleben, sagt Heiko Dietzenbach. Angesichts der Umwälzungen auf dem Bau empfiehlt der Zimmermann „Nägel mit Köpfen“.