So oder ähnlich wird wohl eines Tages die Frage in einem Mittelgebirge wie dem Schwarzwald lauten, wenn es mit dem Klimawandel so weiter geht. Gibt es dort eine Zukunft ohne Wintersport? Vor allem: Wie gehen die Beteiligten mit dieser Herausforderung um?
VON ANNA-LENA GRÖNER UND RUDI RASCHKE
Oben auf dem Feldberg zeigt sich an der Grafenmatte das ganze Bild dieses Winters: Rund um die Zeigerbahn, die 2015 ihren Betrieb mit Sechssitzer-Sesseln neu aufnahm, wechseln grüner und weißer Untergrund je nach Schneekanoneneinsatz ab. Das Grün überwiegt, die Nadelholzkulisse scheint länger kein Weiß mehr gesehen zu haben.
Der Himmel ist strahlend blau, die runtergeklappten Hauben des neuen Lifts auch. Eine Momentaufnahme, aber auch ein realistisches Szenario für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Zu diesem Panorama gehört auch ein schräger Mix aus Betrieben rund um den Lift: Das „Boutique-Hotel Kokoschinski“ mit seiner psychedelischen Zielscheiben-Optik auf der Fassade, nebendran ein Red-Bull-Rondell, wo Après-Ski’ler „der Bass muss ficken“ singen, die hochaufragende gelbe „Grafenmatt- Residenz“, bei der Name und Architektur tatsächlich an ein Altenheim denken lassen.
Dazu Skiverleihe und eine Jugendherberge. Es schaut komplett wie das Gegenteil eines mondänen Skigebiets aus. Aber die Menschen scheinen Spaß zu haben, wenn sie die weißen Inseln bergab fahren.
„McDonaldisierung“ des Schwarzwalds
Auf dem Garagendach des „Kokoschinski“ steht eine ausrangierte Zweier-Gondel mit Aufschrift „Black Forest Magic“. Richard Ettwein heißt der Chef der verrückten Herberge, er führt das Hotel seit zweieinhalb Jahren. Den Namen verdankt es ein paar Bier unter Freunden und der Redensart „Mein lieber Herr Kokoschinski…“.
Er nennt es „Boutique-Hotel“, weil er das Inhabergeführte betonen will. Die Nacht im Doppelzimmer kostet je nach Saison und Auslastung zwischen 88,- und 200,- Euro. Die Kunstwerke auf dem Flur sind vom Chef handgetackert und eher eine Designhotel-Persiflage, in den Zimmern stehen ironisch anmutende, alpenländisch bemalte Holzmöbel.
Das Hotel ist damit ein wenig der Underground der Party-Ecke am Feldberg. Dementsprechend pflegt Ettwein eher einen Tourismus, der der Schwarzwald-Werbung systemkritisch gegenüber steht. Manche Aktivitäten der Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG), die für ihn zuständig ist, lehnt er ab. Dass sie „mit unserem Geld“ Gastronomie und Herbergen anbieten, sei unnötig, sagt er.

Ettwein warnt vor einer „McDonaldisierung“ des Schwarzwalds. Als Hotelbetreiber profitiere er allerdings von der „Hochschwarzwald Card“, wie er sagt, das Angebot mit dem Inklusiv- Skipass für alle Gäste ab zwei Nächten sei das erste, was bei der Buchung nachgefragt werde. Insgesamt vermisse er ein Gesamtkonzept, sagt Ettwein über den Ganzjahrestourismus und die schneearmen Zeiten.
Einen Schwarzwaldwinter ohne Schnee kann er sich auch mit geregelten Angeboten für Mountainbiker vorstellen: „Dafür würde ich die zusätzlichen Bügel am Skilift persönlich zahlen“, sagt der studierte Volkswirt. Große Verzweiflung im Ton herrscht dabei keine: Ettwein hat dieses Jahr schon Mitte Januar die ersten Wanderer beherbergen dürfen, die auf dem renommierten Westweg (Pforzheim–Basel) bei ihm eingekehrt sind. Ingesamt biete der „schlechteste Winter der letzten zehn Jahre“ für sein Haus aktuell die besten Buchungszahlen.
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Eine Autofahrt über Todtnau das Wiesental hinunter. Am Wegrand stehen Skilifte wie die Rothaus-Bahn rund um Fahl still. Auf lange Sicht kann man sie sich kaum noch in Betrieb vorstellen. Wird sich bald alles auf ein paar Schneekanonen-Hotspots rund um den Feldberg-Gipfel konzentrieren? Mitten im Grün bei Fahl liegt ein liebenswert ausschauendes Hotel, es trägt den anachronistischen Namen „Lawine“.

Nachhaltiger Tourismus
Zu Besuch in der Geschäftsstelle des „Biosphärengebiets Schwarzwald“ in Schönau. Im Jogi-Löw-Städtchen geht es eher industriell-handwerklich als touristisch zu, das Biosphärengebiet ist dennoch ein nicht unwichtiger, neuer Player, wenn es um die Zukunft der Region geht, auch die im Winter.
Nur kurz erklärt: Wer wie der Schwarzwald 2017 für zehn Jahre von der Unesco als Biosphäre anerkannt wird, kümmert sich nachhaltig um ein Schutzgebiet, bei dem Mensch und Natur in Einklang gebracht werden sollen. 17 solcher Gebiete gibt es in Deutschland. Walter Kemkes ist der Leiter des Projekts, das wegen seiner grünlandreichen Waldlandschaften, aber auch der gemeinschaftlichen Allmende-Landwirtschaft in den besonderen Unesco-Status auf Zeit erhoben wurde.
Die Geschäftsstelle ist institutionell beim Regierungspräsidium angesiedelt. Spannend dabei: Das Ganze ist eben kein sphärisches Forscher-Ding, wie der Name nahelegt. Sondern mittendrin, wenn es um Angebote für einen zeitgemäßen Tourismus geht. Aber kann es im Winter Attraktivität geben, wenn kein Schnee liegt? Ist nicht alles andere nur Rahmenprogramm?
Kemkes verneint das. Die Themen der Biosphäre sind gleichermaßen auf Reisende wie Einheimische angelegt, sagt er. Die Interessen seien die Gleichen: Auch Gäste fordern immer mehr Nachhaltigkeit. Mit Programmen wie den „Hinterwälder“-Wochen wird die gleichnamige Rinderrasse für Restaurantgäste wie Wirte schmackhaft gemacht. Nicht nur, um das argentinische Rumpsteak auf der Karte zu hinterfragen.

Sondern auch, um zum Erhalt der Kulturlandschaft beizutragen. Die Zusammenarbeit mit Naturpark-Gasthäusern und Urlaub auf dem Bauernhof finde ihre Fortsetzung bei Mobilitäts-Themen für Firmen wie Touristen, bei Holzbau-Tagungen, aber auch Kinder-Angeboten wie den Junior-Rangern, sagt Kemkes.
Und zur Zukunft gehören viel gefragte Trekking-Wildniscamps – ein Hauch US-Nationalpark liegt überm Schwarzwald. Die Region habe den Vorteil, dass sie attraktiv für einen Ganzjahrestourismus wird, sagt Walter Kemkes, der unabhängig von Bettenauslastungszahlen arbeitet. Am Ende sei die Qualität entscheidend, um sich unabhängig von Schneehöhen zu machen. Sein Rat an alle Beteiligten: „Entwickelt Euch weiter!“
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Auf dem Weg zum Feldberggipfel. Drei fröhliche Spaziergängerinnen aus der Gegend, alle im Rentenalter, passieren einen älteren Einheimischen, kurzer Smalltalk zum Wetter: „S’isch einfach vorbei mit’m Schnee“, sagt der weißhaarige Mann in Strohschuhen und Trachtenjanker. Man zweifelt keine Sekunde, dass er weiß, wovon er spricht.
Hüttengaudi?
Unterhalb des Feldberg-Gipfels schließlich: Kein schöner Anblick. Links das 1200 Autos fassende Parkhaus, auf der anderen Straßenseite der „Feldberger Hof“, eine Erscheinung zwischen Büroglasfassade und Wohncontainer. Daneben steht die zum Hotel gehörende Spaßhalle namens „Fundorena“ mit Klettern, Trampolin und Ponyreiten.
Am Fuß des Seebuck folgt ein von der Staatsbrauerei überdeutlich markiertes „Rothaus-Chalet“ als Bier-Bungalow im Schnee. Das ansehnlich gestaltete, informative „Haus der Natur“ steht in diesem Ensemble wie ein Gedenkzentrum – nicht alles wird hier dem Remmidemmi geopfert, scheint es zu sagen.
Gunnar Brüstle bewirtet die Hütte am Seebuck, mit seinen zwei Brüdern Jens und Niels führt er auch die Hütte am Haldenköpfle und den Gießhübel im Schauinsland-Gebiet. Es ist ein Mix aus Ausflugszielen, die vom Schnee abhängig oder unabhängig besucht werden, entsprechend lassen sich Essen und Personal disponieren. Brüstle sagt, dass es für seinen umsatzstärksten Monat, den Februar, aktuell nach nicht viel Neuschnee aussieht.
Ihm sei klar, dass in einigen Jahrzehnten nicht mehr so wie heute Ski gefahren wird im Schwarzwald. Trotzdem schauen sie hier von Monat zu Monat. An den Bierbänken im Hintergrund grölen ein paar schon nachmittags ordentlich betrunkene Holländer.
Das Erstaunliche: Wer aufsteht und nur 20 Meter vom Skizirkus weg hinter die Seebuck-Hütte läuft, steht mitten in unberührt wirkender Natur. Auf dem Weg runter Richtung Feldsee und Raimartihof trifft man erstmal keinen Menschen mehr, es beginnt ein herrlicher Winterspaziergang. Gleich ob mit oder ohne Schnee.
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Zurück an der Talstation Seebuck, auf ein Gespräch mit dem Feldberger Bürgermeister Johannes Albrecht. Albrecht ist der Nachfolger des schillernden Stefan Wirbser, der 2018 im Alter von nur 53 Jahren nach schwerer Krankheit verstarb. Auch der netzwerk südbaden-Redaktion bleibt Wirbser als zäher Kämpfer für den Wintersport im Gedächtnis: unvergessen eine Mail-Beschwerde, nachdem wir über den Schwarzwald-Tourismus berichtet hatten.

Wirbser bemängelte den nicht erwähnten Skisport – im August. Albrecht mag angesichts des omnipräsenten, lautstarken Vorgängers ein schweres Erbe angetreten haben. Er sagt, er wolle die Zukunft auf anderen Ebenen gestalten. Zentral sei für ihn die Infrastruktur, die Wege am Feldberg, um Touristenströme zu lenken, die Wanderer und Spaziergänger wie die Skifahrer und Snowboarder, auch im Sinne des Naturschutzes.
Wirbsers Parkhaus, das dieser hart durchgefochten hat, ist für Albrecht Gegenstand einer generellen Infrastruktur-Vision: PKWs und ÖPNV in Einklang bringen, die Breisgau-S-Bahn („ein Jahrhundertprojekt“) einzubinden, wenn sie dann eines Tages auf Betriebstemperatur ist. Elektrobusse auf einer Busspur vom Umsteigen im Bärental zum Gipfel zu führen.
Oder den Gästen die Natur mit einer umweltschonenden Seilbahnfahrt von dort oder noch besser vom Titisee CO2-neutral erlebbar zu machen. Auch das Thema Wasser gehört dazu – im Sinne der Vereinbarkeit will er den Bedarf für Löschwasser, für Weidewirtschaft, aber eben auch Beschneiung mit einem neuen Becken sichern. Deutlich mehr als die heutigen 8500 Kubikmeter soll es fassen, als Naturgewässer könnte es nach Vorbild von Alpen-Gemeinden wie Serfaus oder Davos angelegt werden, also auch als Sommer-Attraktion.
Albrecht wird trotz vieler Ideen keine riesigen Sprünge machen können, viele Investitionen haben Feldberg zum aktuell Zweitplatzierten bei den Pro-Kopf-Schulden im Land gemacht (hinter Mannheim). Aber der Wunsch, den Feldberg zum Ganzjahresziel, am liebsten generationenübergreifend vom Enkel bis zur Oma zu machen, ist unüberhörbar. Übrigens auch mit einer frühzeitigen Bewerbung fürs Biosphärengebiet, „es ist ein Witz, dass wir nicht dabei sind.“
Vorgänger Wirbser hatte sich massiv dagegen ausgesprochen. Reservate hätten schon den Indianern nicht gutgetan, war er einmal in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert. Am Skisport hält Albrecht vorerst fest – rund 100 Skilehrer, hunderte Mitarbeiter in der Hotelerie und Gastronomie sowie in den Dienstleistungs- und Handwerksbetrieben in der Gipfelregion seien vom Skisport direkt oder indirekt abhängig. Das gewinnt noch mehr an wirtschaftlicher Bedeutung, da viele Autozulieferer in den Tälern drumherum mit Kurzarbeit um deren Zukunft kämpfen.
Und weil die Wertschöpfung rund um den Schnee einfach um das Drei- bis Vierfache höher ausfiele gegenüber Wandern und anderem. Das ist die Krux, die hier die meisten beschreiben, der Hotelier, der Hüttenwirt, der Bürgermeister. Albrecht sagt, dass zur Definition von Nachhaltigkeit das Ökologische wie die Ökonomie und das Soziale gleichermaßen gehören, ein Satz, den man hier oft hört in Sachen Tourismuspolitik.
An den Weihnachtstagen seien rund 12.000 Menschen oben gewesen, sagt er. Etwa 7000 auf Brettern und 5000 zu Fuß. Egal, wie die Leute unterwegs sind: Der Gast will dann sozusagen „Schnee auf Bestellung“, weil es schön ausschaut. Deshalb wird es wohl noch eine Weile dauern, bis auf die Beschneiung verzichtet werden kann. Albrecht spricht von „technischem Schnee“, der ausschließlich aus Wasser bestehe, es sei ja kein Kunstschnee.

Den Begriff haben die Anbieter solcher Anlagen eingeführt. Johannes Albrecht spricht aber auch davon, dass es gelingen muss, Nachhaltigkeit mittels Qualität im gesamten Hochschwarzwald zu erreichen. Die teuersten Übernachtungen in der Schwarzwaldregion mit der höchsten Wertschöpfung seien nun einmal die mit klar hochwertigem Konzept in Architektur, Wellness und Gastronomie, egal ob im „Schwanen“ zu Bernau, dem „Waldfrieden“ Herrenschwand oder der „Halde“ am Schauinsland, auch im Hotel „Schlehdorn“ in Altglashütten. Ergänzend lässt sich feststellen: Die hohe Auslastung dort kommt ohne Schnee zustande.
Schnee oder nicht Schnee?
Albrecht war vor seiner Wahl 2019 Manager in der Automobilindustrie, sein Bürgermeister-Kollege Adrian Probst aus St. Blasien ist studierter Forstwissenschaftler. Thema der Abschlussarbeit: „Nachhaltigkeit im Skisport“. Auch Probst spricht vom Dreieck aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem, das nicht funktioniere, wenn eine Seite fehlt. Natürlich könne man sich in der Region nicht mehr auf reinen Skitourismus verlassen, sagt er, angesichts des Klimawandels könne jeder „eins und eins zusammenzählen“.
Trotzdem ist die Frage nach Schnee oder nicht Schnee für seine Gemeinde komplex. Auch wenn Tallifte unterhalb des 20 Kilometer entfernten Feldberg-Gipfels eines Tages nicht mehr rentabel betrieben werden könnten – für Einheimische gehörten sie zur Nahversorgung wie beispielsweise ein Schwimmbad. Und auch er spricht von den Weihnachtsbesuchern, die in ihrer Mehrheit den Schnee suchen.
Weil es zur Identität der Region gehört und vielen etwas Heimatliches vermittelt, gleich ob Skifahrer oder nicht. Die Mountainbikestrecke, das Schwimmbad oder die Wassertretanlage werde immer noch von der höheren Wertschöpfung und der längeren Verweildauer der Wintergäste finanziert, sagt Probst. „Wenn ich morgen den Lift abschalte, habe ich keine Kohle mehr für Wanderer“.
Ein Gutachten habe seiner Gemeinde 2019 bestätigt, dass es sinnvoll war, die 10,5 Millionen Euro für die Zeigerbahn (sie verkehrt am Feldberg auf Kosten und Grundstück von St. Blasien) in die Hand zu nehmen. Auf diese Weise erhält die Domgemeinde auch das größte Stück der Einnahmen vom Kuchen im Liftverbund Feldberg zurück. Mit Blick auf die Zukunft in 30 oder 40 Jahren mag es vielleicht paradox klingen, in solche Anlagen zu investieren, aber für die nächsten ein, eineinhalb Jahrzehnte sei es durchaus rentabel, sagt Probst.
Die Umsätze des Skigebiets Feldberg sind jedenfalls innerhalb der vergangenen 17 Jahre von knapp 4 Mio. Euro auf mehr als 7 Mio. Euro gestiegen, trotz wetterbedingtem Zickzack mit steigender Tendenz. Bei den Gästezahlen im selben Gebiet ein leichter Anstieg, die Betriebstage der Lifte sind mit etwa 125 jährlich im Schnitt ebenfalls stabil. Seine Gäste sind aber zu 40 Prozent auch Sommergäste, neben Wanderern bringt der opulente Dom auch Kulturtourismus, der intensiviert werden soll.
Eine zweite Säule ist die Gesundheit, an dritter Stelle folgen klassische Schwarzwaldgäste, die als Schweizer auch Einkaufstouristen sind. Der Bürgermeister und Forstwissenschaftler Probst verrät aber auch, was er sich vom nächsten Feldberg-Masterplan Mitte März dieses Jahres verspricht: Eine Ansage, wie der Ressourcenverbrauch besser gelenkt werden kann, zum Beispiel, welche Beschneiung eingespart und welche intensiviert werden kann.
Oder wie an der Qualitätsschraube gedreht werden kann, wie sortiert wird, wer welche Aufgabe übernimmt. Zu den Hausaufgaben der Gemeinde gehöre, dass sie sich intensiv bemüht für Landesförderungen zur Stadtgestaltung. Grundsätzlich gelte: „Wir ziehen alle an einem Strang“.
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Ja, sagt Hansjörg Mair, oberster Tourismuswerber des Schwarzwalds lachend, das mit dem Ziehen sei korrekt, „aber bitte auch in die gleiche Richtung“. Winterwandern, Museen, Schinkenvesper, Wasserspaß: Seine Schwarzwald Tourismus GmbH, die STG, setzt die Themen auf ihrer Website bereits weitgehend unabhängig vom Schnee. Anders als die Hochschwarzwald Tourismus HTG rund um die Feldberg-Insel, kann sie allerdings auch auf ein Angebot von knapp unterhalb Karlsruhe bis Basel zurückgreifen.
Der gebürtige Südtiroler Mair („wir konnten skifahren, bevor wir laufen konnten“) scheint sich damit abgefunden zu haben, dass sich etwas gerade grundlegend verändert: „Der alpine Skisport wird sich auf weniger Regionen konzentrieren, perfekt, aber teurer. Es wird genug Menschen geben, die sich das leisten wollen.“ Skifahren werde kein Breitensport mehr sein, sagt Mair.

Deshalb brauche es alternative Winterangebote, die nicht auf Schnee fokussiert sind. Die Gäste seien ohnehin multioptional unterwegs, in der Region sei es möglich, Wellness, Shopping, Kultur und auch Wein mit einem Winterurlaub zu verbinden. Voraussetzung sei aber, dass ein Angebot als authentisch wahrgenommen wird, dass es sich auch an Einheimische wendet.
Tourist wolle schon lange keiner mehr sein, sagt Mair, allenfalls Reisender, am liebsten ein „Mitbewohner auf Zeit“ – zu beobachten beispielsweise an den Airbnb-Quartieren in städtischen Wohnhäusern. Die STG sieht die Leuchttürme, aber auch die Notwendigkeiten, an der Basis für Verbesserungen zu sorgen. Nachfolgeregelungen, Kleinbetriebe, auch Profilschärfungen lauten die Themen.
Und dass die Vielzahl der Angebote heute digital-maßgeschneidert zum Gast wandert und als Inspiration verstanden werden soll. Die Zeit der Paket-Pauschalen für Schwarzwald-Touristen – auch sie ist Schnee von gestern. Mair sagt, dass die Urlauber hier seit jeher einfach zur Ruhe kommen wollen – „wir brauchen uns keine Sorgen zu machen.“
Liftbetrieb auf dem Kandel
Auf dem 1241 Meter hoch gelegenen Kandel ist immerhin zu erkennen: der Schnee war schon mal da. Doch statt Ski- und Snowboardfahrern hat auf der Kaibenloch-Abfahrt bisher nur ein Maulwurf seine Spuren hinterlassen. Braune Erdhaufen statt weiß gezuckerte Hügel. Klarer Vorteil des Kandels für die Ausflügler an diesem Donnerstagvormittag: die Aussicht, während im westlichen Tal die Nebelsuppe hängt.
Martin Dold hatte sich seine Aussichten anders vorgestellt. Der Land- und Gastwirt des nahegelegenen Plattenhofs ist seit zwei Jahren Betreiber der Kandellifte Schwarzmoos und Kaibenloch. Für diesen Winter hat er hier extra die kleine Pistenbully-Garage am Kopf des Liftes zu einem Imbiss umgebaut. Auch an diesem Tag ist er dort am Werkeln, aber „bei der aktuellen Schneelage können wir es langsam angehen.“
Dold bleibt trotz angekündigten Neuschnees Ende Januar skeptisch. „Wir brauchen mindestens 30 Zentimeter Neuschnee, um die Lifte in Betrieb zu nehmen.“ Glücklicherweise sei er nicht darauf angewiesen. Ein Trauerspiel sei es trotzdem. Selbst wenn der Schnee noch kommt: spätestens nach den Faschingsferien würde kaum mehr jemand zum Skifahren auf den Berg kommen, „da haben die Leute keine Lust mehr.“
Der neue Grill in Dolds Imbisshäusle und die beiden beeindruckenden Pistenbullies am winzigen Lifthaus wirken fast ein wenig deplatziert. Wenn der Schnee in den nächsten Jahren ebenfalls wegbleibt, ist ein anderes Nutzungskonzept der Liftanlagen auf dem Kandel trotzdem nicht denkbar. Das ausgewiesene FFH-Gebiet (Abkürzung für Fauna-Flora- Habitatrichtlinie) überlagert sich hier mit dem Vogelschutzgebiet Mittlerer Schwarzwald.
Eine präparierte Downhill-Strecke für Biker etwa ist nicht umsetzbar. Warum eine Skipiste der Umgebung weniger Schaden bereiten soll als eine ausgewiesene Bike-Strecke, ist unklar. Dass ein Schlepplift durchaus mit dem Mountainbike genutzt werden kann, zeigt der Bikepark in Bad Wildbad im Schwarzwald, der damit ein wenig Geld in die winterleeren Kassen spielt.
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Bei ausreichend Schnee kann von St. Märgen eine fünf Kilometer lange Verbindungsloipe bis zur benachbarten Thurnerspur befahren werden. Bei Sonnenschein und plus acht Grad im Januar eher ein Panorama-Wanderweg. Am Thurner selbst schlängelt sich eine matschige Traktorreifenspur durch das Starttor zur 15-Kilometer-Loipe. „Wir sind optimistisch, dass auch nach diesem schneelosen Januar noch Schnee kommen wird“, sagt Wolf Hockenjos, Vorsitzender des Fördervereins Club Thurnerspur e.V.
„Und wir gehen insgesamt davon aus, dass trotz Klimawandels auch künftig immer wieder Langlaufbetrieb auf der Thurnerspur möglich sein wird.“ Hockenjos erinnert, dass es in der 48-jährigen Geschichte der Thurnerspur bereits mehrere schneearme bis schneelose Winter gab, vor allem in den 1990er Jahren. Fast genauso lange sei der Klimawandel Thema bei den Mitgliederversammlungen.
Er erinnere sich an einen Vortrag von Christopher Krull, damals Chef der Schwarzwald Tourismus GmbH, im Jahr 2002. Das Thema: „Hat der Wintertourismus im Schwarzwald noch eine Chance?“. Diese wird spürbar geringer. Die Existenz des Vereins bedrohen solche Winter nicht. „Im Unterschied zu Liftbetrieben wird die Thurnerspur durch einen Förderverein finanziert. Die derzeit über 5000 Mitglieder werden erfahrungsgemäß nicht gleich ihren Abbuchungsauftrag kündigen wegen eines schneearmen Winters. Das Fördervereinsmodell ist wie zugeschnitten auf unzuverlässige Schwarzwaldwinter.“
Heimat des Skisports
Auf Unzuverlässigkeiten möchte die Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG) in Zukunft besser vorbereitet sein. Zumindest in den Gemeinden, die über der 1000-Meter-Marke liegen. „Hier ist meine Meinung ganz klar: wenn wir weiter als Winterregion wahrgenommen werden wollen, müssen wir das Grundbedürfnis nach Schnee bedienen. Der Feldberg hat eine Höhe, an der man das gut darstellen kann. Allerdings muss man sich weiter Gedanken über künstliche Beschneiung machen, da führt der Weg langfristig nicht dran vorbei“, sagt HTG Geschäftsführer Thorsten Rudolph.
Gleichzeitig warnt er davor, wegen eines milden Winters gleich in Panik zu geraten, die hätte es schließlich in der Vergangenheit auch gegeben. Bessere Vorbereitung, lautet der Masterplan. Und solange noch ein bisschen Naturschnee auf Hochschwarzwälder Boden fällt, möchte auch Rudolph den Winter nicht aufgeben. „Es geht nicht darum, dass wir weiße Bänder in grüne Landschaften machen wollen, das findet keiner schön“, sagt der Geschäftsführer.
„Wir haben Naturschnee und den müssen wir kombinieren. Wenn man den als Grundlage nimmt und mischt, dann haben wir eine ganz andere Konsistenz und Haltbarkeit. Wir müssen die Minusgrade nutzen, um ergänzend zu beschneien.“ Aber wer soll es bezahlen? Die verschuldeten Gemeinden? Der Liftverbund Feldberg? Letzterem entgingen allein durch die Hochschwarzwald Card im vergangenen Jahr fast fünf Millionen Euro.
Seit 2010 bekommen Gäste, die mindestens zwei Nächte in einer der 16 HTG-Gemeinden übernachten, die Karte ausgehändigt. Mit ihr können Sie unter anderem die Lifte des Liftverbunds Feldberg kostenlos nutzen. Unter dem Aspekt der Schneeaufrüstung sind solche Einbußen für den Verbund nicht länger tragbar. Der Liftverbund hat die Akzeptanz der Hochschwarzwald Card über das Jahr 2020 hinaus erst einmal gekündigt, die „Badische Zeitung“ berichtete im November vergangenen Jahres darüber.
Von einer direkten Kündigung wisse die HTG nichts, behauptet Rudolph: „Der Liftverbund ist noch bis Ende des Jahres in der Hochschwarzwald Card involviert. Wir sind aktuell dabei, eine Lösung über das Jahr 2020 hinaus zu finden. Dabei soll es bei einem neuen Vertrag für alle Seiten eine befriedigende Lösung geben.“ Die HTG hat aktuell nicht gerade einen Lauf, wie man im Sport sagen würde: Die Edel-Ausgabe einer Schwarzwald-Toilette am Titisee stellte sich als zu optimistische Kalkulation dar und wurde vorübergehend geschlossen.
Die Idee von Aufwärmstuben für aus Freiburg geliefertes Essen fiel in drei von zehn Gemeinden durch. Der Wintertourismus – vor allem am Feldberg – bringt aber offenbar noch so viel Geld ein, dass es für Rudolph nach wie vor sinnvoll und lukrativ erscheint, weiter zu investieren. „Wir dürfen nicht vergessen: Wir sind die Heimat des Skisports.
Hier wurde der Skilift erfunden und hier gab es einen der ersten Ski-Clubs überhaupt. Wir sind Weltcup-Austragungsort für Skispringen, für Nordische Kombination, für Ski- und für Snowboard-Cross.“ Letztere wurden zwar abgesagt, trotzdem sagt Rudolph: „Da können wir doch nicht kapitulieren und sagen: nein, Winter interessiert uns nicht mehr. Das wäre Wahnsinn! Das ist eines unserer Gene, die wir haben.“