Das Geschäft mit dem Badischen Wein gestaltet sich auf einem immer härter werdenden globalen Markt nicht ganz einfach. Größte Hemmnisse für einen starken Auftritt sind die Uneinigkeit, aber auch die fehlende Innovationskraft mancher Weinbaubetriebe. Hoffnung kommt dagegen von einer jungen Generation, die die Weinwelt gesehen hat.
VON RUDI RASCHKE
Vorweg:
Eins noch zum beherrschenden Thema dieser Tage: Wir hätten diesen Einstieg ins Heft gern mit der Frage begonnen, in welchem Zustand der Badische Wein als solcher zur Messe „Pro Wein“ nach Düsseldorf reist. Die Messe wurde vernünftigerweise abgesagt, wegen des Corona- Virus‘. Für uns als Monatsmagazin hat sich kurz die Frage gestellt, ob wir in der Titelstrecke dieses Thema beleuchten wollen.
Wir haben uns bei aller Dringlichkeit dagegen entschieden. Zahlen zur Ausbreitung wie Erkenntnisse zum Medizinischen wären mit Erscheinen überholt gewesen. Hier braucht es Aktualität statt Hintergrund, eher Tageszeitung und Radio als Monatsmagazin und Langstrecke. Deshalb bitten wir um Verständnis, dass die Corona-Thematik in dieser Ausgabe allenfalls am Rande auftaucht.
Zum Aperitif:
Um es sanft auszudrücken: Das Renommee des Badischen Weins dürfte besser sein. In Sachen Bekanntheit und Beliebtheit ist vieles ausbaufähig. Die offizielle Vermarktung ist staubiger kaum möglich, die Qualität im Glas mancherorts altmodisch. „Aber!“ lässt sich jetzt einwerfen: Einzelne Qualitäts- Weingüter, die im Verband der Prädikatsweingüter (VdP) engagiert sind, sympathische Winzer mit jugendlicher Vermarktung („Generation Pinot“), einzelne Leuchttürme auf neuen Wegen, auch bei Winzergenossenschaften gibt es sie.
Nur: Reicht das aus, um von der furchteinflössenden Ideendürre beim Gesamteindruck abzulenken – zum Beispiel auch der Werbung mit immer noch mehr Sonne?
Gelbgier: Werbebild und Realität des Badischen Weins
Fangen wir doch damit an: Was haben das HB-Männchen, Klementine von Ariel und die Afri-Cola-Nonnen gemeinsam? Sie sind allesamt ausgestorbene Werbe-Ikonen. Lustig, aber tot. Beim „Sonnenmännchen“ der Badischen Weinwerbung ist es genau umgekehrt. Es wurde 2001 reanimiert. Es ist ist eher lieblos gestaltet, für echten Kult fehlen Bekanntheit und Augenzwinkern, es ist nichtmal cool „retro“, sondern einfach nur altbacken.
Zumal sich die Werbung mit der heftigsten Sonne in Zukunft ohnehin die Finger verbrennen wird. Bei Betrachtung der Badischen Weinwerbung wundert man sich, ob sie den Klimawandel einfach nur per tiefdunkler Sonnenbrille ausblendet. Auf den Werbemotiven in apokalyptischem Gelb liegt jedenfalls der Verdacht nahe. Dass badische Winzer heute fast schon Ende August die Lese starten, damit eben nicht zuviel Sonne ins Glas findet? Leider die Realität.
Wein Macht Politik
Die Werbung mit dem Claim „Von der Sonne verwöhnt“ zeigt Bilder, die wenig mit dem Lebensgefühl heutiger Weintrinker zu tun haben. Jahrelang war sie ohnehin immer wieder von der Einstellung bedroht, es gab wenig stabilisierende Meldungen über Austritte und Eintritte, das Gesamtkonstrukt wackelte. Mittlerweile ist ein Budget von nicht einmal einer Million Euro gesichert, mit dem wahrlich keine biblischen Weinwunder zu realisieren sind.
Am dürren Inhalt der Sonnenmotive ändert das nichts. Aber wo man in diesen Tagen auch hinhört: Der Badische Wein scheint durch ständige politische Kämpfe ohnehin nicht sonderlich spritzig aufgestellt: Im Weinbauverband wollte der Chef eines privaten Weinguts, Thomas Walz aus Heitersheim, die Nachfolge von Kilian Schneider antreten. Schneider hört als Weinbaupräsident im Mai auf, weil er nach einem Schlaganfall gesundheitlich angeschlagen ist.
Mit dem Achkarrer Michael Kunzelmann trat ein Gegenkandidat aus dem Kreis der Winzergenossenschaften spontan an. Allerdings bekam keiner die nötige Mehrheit, die Entscheidung wurde vertagt. In Winzerkreisen wurde einmal mehr nicht über das Produkt gesprochen. Sondern dass die Genossenschaften einen Präsidenten aus dem Kreis der privaten Weingüter offenbar nicht aushalten können. Als wenn dies für irgendwen, der Badischen Wein trinkt, beim Einkauf Relevanz hätte.
370 Kilometer, rund vier Stunden, würde es dauern, das Weinbaugebiet Baden mit dem Auto von Süd nach Nord zu fahren.
Genossen im Wandel
Den in die Machtrauferei eingetreten Genossenschaften scheint aktuell eher die Gemeinsamkeit abhanden zu kommen. Obwohl das Thema Genossenschaft hierzulande allgemein ein sehr positives Image des Gemeinsam-Schaffens erfährt, scheint dies beim Badischen Wein eher auseinanderzudriften: Während einige den Drive nutzen, um ihre Marke und das Sortiment neu aufzustellen – man denke an die Markgräfler Winzer (siehe auch diese Ausgabe), aber auch die WG Achkarren oder kleinere wie die WG Britzingen – stehen andere weiter auf dem Schlauch.
Mit nicht mehr konkurrenzfähiger Flaschengestaltung und -inhalten. Häufig Opfer einer Kirchturmpolitik, die den Vergleich mit anderen scheut. Und optisch so anmutet, als müsse der Wein lediglich beim lokalen Secco-Hock oder den Helene-Fischer-Ultras im Ort gut ankommen. Man weiß auch nicht, ob der Badische Winzerkeller in Breisach die vergangenen 20 Jahre im Mittagsschlaf verbracht hat, aber die Außendarstellung ist etwa die vom Sonnenmännchen: Wo andere WGs längst mit Ertragsreduktion werben, werden hier Mengenrekorde gefeiert, vermeintliche Top-Jahrgänge mit einer Prämierungs-Inflation, die aufgrund der erdrückenden Fülle fern jeder Vergleichbarkeit dasteht.
Dem Winzerkeller, bei dem Umsatzzuwächse und Erlöse nicht mehr korrelieren, steht nun ein Strukturwandel an, der nicht von Kreativität und Innovation geprägt sein wird, sondern vom Kostenmanagement. Es ist einmal mehr das Schrauben an der Qualität, in der Hoffnung, dass die Kunden es mitmachen. Kreativ, das ist beim Winzerkeller ein 2,99-Euro-Wein namens „Katzenstriegel“. Also ein freiwilliges Down- statt Upgrade im Sortiment. Es steht zu befürchten, dass Winzer aus Baden mit seiner kleinteiligen Weinbaustruktur darin umkommen können, wenn sie sich, pardon, in ein Rattenrennen um die billigsten Flaschen Wein begeben.

Weinwissen plus Partyzelt
Wo in der Weinwelt die Ungewissheiten und der Druck durch Wein-von-sonstwoher immer größer werden, ist eines gefragt: Ein bisschen Information und Weinwissen, ein wenig Kennerschaft zum Probierglas. Leider ist das in der aktuellen Eventlandschaft rund um Weinfeste nicht übertrieben vorgesehen: In Breisach ist das „Bezirksweinfest“ ein Treff mit Kirmes und Polizeibilanz-Folklore, das einstige überregionale Grauburgunder-Symposium ist zu einer Preisverleihung geschrumpft.
Schade, hier gäbe es Möglichkeiten. Gerade der vielgefragte Weinnachwuchs wird auch nicht nur mit tiefgekühlten Weinlimo-Späßen („Kalte Sophie“) zu kriegen sein, sondern möglicherweise auch mit etwas Hintergrund.
Kreativität vom Rand
Das sind jetzt alles etwas düstere Momentaufnahmen, alles andere als grell-sonnengelb. Die Hoffnung kommt nicht nur von WGs und einzelnen Winzern, die ein paar Dinge anders machen, weil sie die Welt gesehen haben. Manchmal braucht es auch die Besonderen, die sich rarmachen und umso gefragter sind. Auf Weinkarten in Londoner Restaurants tauchen eben eher Freaks wie das Weingut Enderle-Moll auf als die WG ums Eck.
Von ihnen gilt es dann aber auch zu lernen. Redet miteinander statt übereinander. Die Hoffnung auf ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl gerade unter jungen Winzern ist da. Das Erscheinungsbild des Badischen Weins ist uneinheitlich und nicht kohärent-zusammenhängend – es mag aber auch schwierig sein, das Weinbaugebiet Baden überhaupt unter einen Hut zu bekommen.
370 Autobahnkilometer, rund vier Stunden würde es dauern, von Lörrach am Südrand bis nach Wertheim im Norden zu fahren. Das liegt an der Kante zu Hessen und Bayern, gehört als Tauberfranken aber ebenfalls zur badischen Weinlandschaft. Die Frage ist berechtigt, ob eine gemeinsame Vermarktung hier Sinn ergibt.
Auch, ob sich überhaupt eine Kultur oder Mentalität das Badischen Weins erkennen ließe. Natürlich denken wir oft nur an Markgräflerland, Kaiserstuhl, Breisgau und Ortenau, wenn wir in Südbaden vom Ganzen sprechen. Die Bilder, die die meisten von uns dabei vor Augen haben?
Sie wären durchaus angetan, einmal in weniger überzeichneten Bildern für den Badischen Wein zu werben: Man denke an grenzüberschreitende Weinwege im südlichen Markgräflerland. An einen spontanen Probierbesuch und ein gutes Gespräch in der Stube von Hermann Dörflinger in Müllheim. An einen Ausflug mit einer Flasche Wein auf die Mondhalde in Oberrotweil. Oder an ein sommerliches Glas Wein mit den Füßen im Gras im Garten des Dreisamtäler „Schlegelhofs“. Sowas in der Art. Und, mal alle Eitelkeiten und Härten beiseitegelegt: Warum ist es so schwer, dies als Lebensgefühl für die Freunde des Badischen Weins zu vermitteln?