Vom Morgenkreis im Kindergarten bis zum Führungszirkel von Unternehmen: In der Kommunikation sorgt eine ringförmige Sitzordnung für die Gleichberechtigung aller Beteiligten. Deshalb werden Probleme am runden Tisch verhandelt, und viele Moderationsformate arbeiten im Kreis. Beispielsweise das Council, das unsere Gastautorin Vera Borgards nutzt.
Text: Vera Borgards

Es ist Frühsommer 2021, wir sind mitten in der Pandemie, alle auf Abstand und viele einsam. Die Quarantäneregeln haben etliche Lebensbereiche schwer getroffen, einer davon ist die Altenpflege. Die Ehrenamtlichen der ambulanten Hospizgruppe können seit mehr als einem Jahr nur wenige Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten. Jetzt sitzen wir zur Supervision in einem großen Saal, zwei Meter Abstand, 18 Menschen, von denen ich bisher nur wenige überhaupt und nur als Kacheln auf meinem Bildschirm gesehen habe: zehn Menschen eines Vereins, Angestellte und ehrenamtliche Vorstände. Es liegt Streit in der Luft, über Kompetenzen und ungeschriebene Regeln, gutes Miteinander und effektives Arbeiten bei knappen Zeitressourcen. Wie kommt jetzt ein Austausch zustande, der offen ist und achtsam? Wie findet die Gruppe wieder zusammen und Freude an der Arbeit?
Kommunikation wird oft als bilaterale Angelegenheit verstanden und erklärt: Sender, Empfänger, Ich-Ohr, Du-Ohr, oder auch Vortragende und Zuhörende. Damit bleiben wir einerseits in einer überschaubaren, weil reduzierten Beziehung. Und meist auch in einer Hierarchie wie bei einem Vortrag. Wer vorne steht, weiß mehr als diejenigen, die zuhören. Reduktion und Hierarchie haben ohne Zweifel ihren Nutzen, und Kommunikation ist auch in der Dyade komplex genug. Was aber entsteht, wenn wir Komplexität zulassen und Hierarchien verflachen? Wir landen im Kreis.
Rund um den Grund des Gesprächs
Kommunikation, die den Kreis als Grundform nutzt, steigt aus der binären Logik von Ich und Du oder Ich und Ihr aus und platziert die Menschen in einen Kontext, nämlich den Kreis selbst. Das Sitzen um eine Mitte verweigert jede Statuszuordnung durch Position, weil alle gleich sind. Es gibt keinen dominanten, hervorgehobenen Platz, aber auch kein Verstecken in der zweiten Reihe. Alle sind sichtbar und, zumindest bei bewusster Nutzung der Kreisform, gleichwertig. Allein die Sitzordnung stellt klar, dass alle gebraucht und gehört werden. Das ist unverzichtbar, wenn die besten Ideen gefunden werden sollen, wenn die (Fach-)Kompetenz aller Beteiligten in einen produktiven Dialog gebracht werden soll.
Das Sitzen um eine Mitte verweigert jede Statuszuordnung durch Position, weil alle gleich sind. Es gibt keinen dominanten, hervorgehobenen Platz, aber auch kein Verstecken in der zweiten Reihe.
Der Kreis hat immer auch eine Mitte. Alle sind gleich weit davon entfernt und stehen unweigerlich in Bezug zu dieser Mitte. Sie ist eher atmosphärisch als greifbar und braucht Definition. Für mich steht die Mitte des Kreises für das, was die Teilnehmenden zusammenbringt, für ihr gemeinsames Anliegen. Im beruflichen Kontext ist das in der Regel das Produkt der Arbeit, also beispielweise Kundenzufriedenheit, Innovation, Effektivität oder reibungslose Abläufe. In Konfliktklärungen, wenn das gemeinsame Anliegen aus dem Blick gerät, spreche ich es gerne zu Beginn an: Es ist der Grund, warum die Teilnehmenden überhaupt da sind. An einer Konfliktklärung teilzunehmen, ist meistens zunächst unangenehm, also gibt es für die, die da sind, immer ein starkes Motiv.
Wie entsteht nun ein gutes Gespräch? Klar ist, die Sitzordnung allein reicht oft nicht aus. Zwar gibt der Kreis Gleichwertigkeit vor und fokussiert mit seiner Mitte auf das gemeinsame Anliegen. Dennoch können die Teilnehmenden sich darüber hinwegsetzen und konfrontativ sprechen, Dominanzen ausagieren oder auf Tauchstation gehen. Für das Kreisgespräch gibt viele Varianten, die mit meist knappen Regeln den Nutzen des Kreises verankern.
In der jüngeren Vergangenheit war der Runde Tisch prägend, der – als Inbegriff der Gleichrangigkeit – im Zuge des Übergangs von den sozialistischen Staatsformen zur Demokratie Ende der Achtzigerjahre in Polen, der DDR, Ungarn und Bulgarien eingesetzt wurde und heute eine Methode im Rahmen der Bürgerinnenbeteiligung ist. Der Austausch im Kreis findet sich ebenfalls in bekannten Moderationsformaten wie dem World Café oder Open Space. Auch der achtsame Dialog des Physikprofessors David Bohm findet in einem Sitzkreis statt, und der Klassenrat in pädagogischen Kontexten basiert auf dem Kreis als Sitzordnung.
Council: Respekt durch Zuhören
Das Council, wie ich es anwende, stammt aus dem US-amerikanischen Raum. Es wurde, inspiriert von der Kultur der First Nations, im Wesentlichen an der Ojai-Foundation in Kalifornien entwickelt und von Akteuren wie Joe Provisor von Circle Ways oder dem Way of Council in Kalifornien und dem Eschwege Institut in Deutschland weitergetragen. Den genannten Methoden ist eines gemeinsam: der radikale Respekt vor dem Gegenüber und vor jedem Beitrag. Diesen Respekt bezeuge ich durch Zuhören. Das Zuhören ist im Kreis genauso wichtig wie das Sprechen, und respektvolles Zuhören bedeutet ein Sich-Einlassen auf die oder den Sprechenden, auf das, was sie mitteilen und darauf, wie lange sie sprechen möchten.
Im Council gibt es dafür den Redegegenstand. Er zeigt an, wer das Wort hat, und wer zuhört. Das kann ein Alltagsgegenstand wie ein Stift oder eine Kaffeetasse genauso sein wie ein Stein, ein Ball oder ein vom Team produziertes Objekt. Während der Coronapandemie habe ich eine alte Schachtel benutzt, die von den Teilnehmenden mit dem Fuß weitergeschoben werden konnte. In der Grundform des Councils wird der Gegenstand einfach im Kreis weitergegeben. Wenn Gruppen oder Teams um Positionen ringen, fällt es den einen oft nicht leicht, die Zeit des Zuhörens zu akzeptieren, ebenso wie es für andere herausfordernd ist, vor dem gesamten Team zu sprechen. Ganz nebenbei erleben alle, wie eine gute Balance aussehen kann zwischen dem Raum, den sie sich selbst nehmen und dem, den sie anderen geben. Der Wechsel vom Sprechen zum Zuhören und die gleichwertige Bedeutung von beidem sind Kernstücke des Councils.
Der Redegegenstand bewahrt das Gespräch in der Kreisform, bis sich alle an diese Praxis gewöhnt haben. Später kann der Gegenstand in die Mitte platziert und von den nächsten genommen werden, sodass ein Netz aus Beiträgen entsteht. Dadurch wird ein Raum etabliert, in dem nicht nur die besten Ideen gesagt und gehört werden, sondern auch unausweichliche Verbindungen zwischen den Teilnehmenden entstehen. Damit das Kreisgespräch in Gang kommt, braucht es ein Thema oder eine Frage. Das kann ein scheinbar einfaches „Was ist dir heute wichtig?“ sein oder eine thematische Frage: „Wie erreichen wir neue Kundschaft?“ , „Wie transportieren wir Leitungsentscheidungen gut in die Teams?“ In meiner Einleitung weise ich immer auf die Aufgabe der Sprechenden hin. Mit dem Redegegenstand übernimmt jede und jeder die Verpflichtung, genau so viel Zeit einzunehmen, wie nötig und dadurch gut für sich und die Gruppe zu sorgen.
Im eingangs geschilderten Gesprächskreis der Hospizgruppe hat die Frage „Was hat dich bewegt, heute hierher zu kommen?“ einen intensiven und sehr persönlichen Austausch eingeleitet, an dessen Ende die Gruppe tief verbunden und bewegt war. Bei Konfliktklärungen habe ich das ruhige Tempo des Councils genutzt und weiter verlangsamt, indem jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer eine Partnerin oder Partner hatte, die ihren Beitrag mit eigenen Worten wiederholten. So erhält das Gesagte einen neuen Klang und eine andere Perspektive – der Weg zum gegenseitigen Verständnis wird gangbar.
Für mich ist der Kreis als Gesprächsform eine effektive Moderationsmethode, die sich mit wenig Aufwand einfach anwenden lässt. Sein Potenzial für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist unschätzbar.