Bei aller „Krise als Chance“: Diese Pandemie war alles andere als ein Segen. Sie hat nicht nur vielen Menschen das Leben genommen, sondern auf brutale Weise die Schwächen von Systemen ans Licht gebracht. Sie hat aber auch gezeigt, dass Solidarität, Kreativität und Veränderungsbereitschaft von jetzt auf gleich anlaufen können. Warum es zum Weitermachen keine Alternative gibt – und was Corona uns in nunmehr drei Monaten gelehrt hat.
VON RUDI RASCHKE
1. Gegensätze werden noch stärker
Was in unserer Gesellschaft ohnehin auseinander driftet, tritt durch Corona noch viel deutlicher zutage: Wir erleben in dieser Zeit nicht nur einen beschleunigten Drang zur Digitalisierung – es gibt auch eine ganz unnostalgische Erfolgsgeschichte von Dingen, die bis Februar hoffnungslos altmodisch schienen: Autokino. Heimaturlaub. Markus Söder. In England feiert sogar der Milchmann als Vater aller Bringdienste ein Comeback. Nicht nur wegen der Regionalisierung als starkem Gegenstück zur Globalisierung à la amazon: Komplett unterschiedliche Medaillen-Kehrseiten könnten in Zukunft unseren Alltag prägen.
2. (Politische) Führung funktioniert nur mit Kooperation und Expertise – und sie muss klare Entscheidungen treffen
Dem damaligen britischen Justizminister Michael Gove entfuhr 2017 zum Brexit der Satz: „Die Leute haben genug von Experten.“ Corona zeigt, dass es nicht nur bei einem Hausbrand, einer Herz-OP oder im Flugzeug ganz sinnvoll ist, wenn Experten das Geschehen lenken. Die Pandemie zeigt auch, dass es fatal ist, wenn Experten ignoriert werden. Die meisten Infektionen gab es zwischenzeitlich in Ländern, die von Populisten und Autokraten geführt werden.
Fern jeder Schadenfreude lässt sich sagen, dass ausgerechnet die USA, Großbritannien, Russland und Brasilien die miserabelste Figur abgaben. Die Welt der Alleinherrscher sah alt aus. Institutionen und Regierungen, die auf Austausch und Kollaboration setzen, waren dagegen vorne, wenn es ganz uneitel um Schadensbegrenzung ging. Übrigens auch in Südbaden, wo Krisenstäbe orts- und klinikübergreifend aktiv wurden. Und auch das Gesundheitsamt manches Landkreises zügig lernte, dass eine Pandemie nicht nur Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr wütet.
3. Die Art, wie wir arbeiten, wird sich ändern
Es ist viel mehr als nur Homeoffice und Vertrauen: Zur Debatte stehen Führungsprinzipien, Hierarchien, aber auch Meetingkultur und Dienstreisen. Eine neue Effizienz kann Einzug halten in deutschen Unternehmen. Dazu gehört ein radikales Bekenntnis zu dem, was wichtig ist, fern von Zeittotschlagen und sinnlos-Konferenzen. Dass Unternehmen aus ihrem Hamsterrad treten, auch mal die eigene Bürokratie überdenken und noch mehr nach dem Sinn fragen. Und dass wir alle das hinterfragen, was wir-schon-immer-so-gemacht-haben.
4. Die Städte werden sich verändern
Der Konsum ist wieder möglich, aber er macht gerade keinen Spaß oder ist durch Einschränkungen im Budget für viele Menschen sehr überschaubar: Das ist die Situation im Handel. In dieser Situation werden angeschlagene Unternehmen noch mehr in Schieflage geraten. Solche mit solider Kundenbasis und echter Anhängerschaft könnten gestärkt werden. Trotz allem zeigt sich in den vergangenen Wochen, dass die Innenstädte einer massiven Verödung entgegensehen könnten. Zum Einkaufserlebnis fehlen Kultur, eine Gastronomie im Vollbetrieb und die Begegnungen.
Es zeigt sich, dass Flanieren und Rituale rund ums Einkaufen weit umsatzfördernder sind als das schlichte Bedürfnis nach einem Produkt und ein geöffneter Laden. Mit der Erkenntnis eines weniger-ist-mehr wird das nicht einfacher. Der Handel allein wird das Erlebnis nicht zurückbringen können. Die Städte sind gefordert, gerade, wenn sich bei rückläufigen Frequenzen Freiräume ergeben – auf der Straße, auf Plätzen und bei Immobilien.
Noch ist auch unklar, wie sich das Wohnen verändern wird. Das Einfamilienhaus galt nur noch als eine Wohnform unter vielen, jetzt könnte es ein Comeback feiern, wenn es um Freiräume, Lebensqualität zuhause und sozialen Abstand geht. Planer neuer Quartiere werden mit mehr Grün und attraktiveren Mehrfamilienmodellen gegensteuern müssen.
5. Die Gastronomie hat einen Imageaufschwung erlebt
Jeder, der eine Küche von innen erlebt hat, weiß: es mag Spaß machen, für vier Leute zu kochen, für 50 Leute erfordert es eher eine Berufung. Und einen langen Atem, wenn es über eine sechs-Tage-Woche geschieht, jahrein, jahraus. In der Corona-Krise ist mancher Koch in der Region über sich hinausgewachsen: Als Schöpfer von take-away-Menüs, mit denen Sterne-Esser zuhause üppigen Bastelspaß bekamen; als Selbstvermarkter, der Filme hochlädt; als Logistiker, der die Abholung taktet; und als unermüdlicher Kämpfer, der nicht annähernd den gewohnten Umsatz pro Gast mit Essen, Wein, Espresso einspielen konnte, aber weiter gemacht hat.
Manche haben sich selbst versteigert, andere haben eingekocht wie verrückt oder ihre Kühlhäuser auf Wochenmärkte getragen. Nichts war in diesen Tagen deplatziert, alles war möglich. Eine viel geschmähte Branche hat sich so zurückgemeldet. Es ist zu früh zu sagen, ob sich in der Gastronomie ein wenig die Spreu vom Weizen trennt und die zuletzt so Kreativen gut durchkommen werden. Zu wünschen wäre es ihnen.
6. Die Industrie wird sich hinterfragen
Es geht um mehr als nur just-in-time, Lagerkapazitäten und Fertigung „made in Germany“. Die hätte, darauf haben die Kollegen der „Badischen Zeitung“ verwiesen, ohnehin die gleichen Nachteile gehabt, wenn Zulieferer im Hotspot Heinsberg statt in Wuhan säßen. Trotzdem werden sich viele Gedanken über ihr Produkt machen, seinen Nutzen, aber auch Herstellung und Vertrieb.
Als abschreckendes Beispiel darf ihnen die deutsche Automobilindustrie dienen: Veraltete Produkte auf Halde, verpennte Nutzerfreundlichkeit und in der größten Krise noch Zeit und Geld für gedankenlos-rassistisches Marketing investieren wie Volkswagen. Es ist wenig erstaunlich, dass hier nicht mehr groß der Staat hilft, sondern Selbsthilfe in erstaunlich überkommenen Unternehmenswelten Einzug halten muss. Zutiefst traurig ist dies aber für jeden aufrichtigen Händler oder Qualitäts-Zulieferer, der dies nicht nur in Südbaden auszubaden hat.
7. Gute Konzepte und Organisation helfen
Wer in der Krise seine Funktionsfähigkeit unter Beweis stellte? Der deutsche Fußball. Wer sich enthusiastisch, aber wenig organisiert zeigte: Die deutsche Kulturszene. Es mag völlig klar sein, dass ein Milliardengeschäft mit straffer Führung und Konzernstrukturen sein Businessmodell überzeugend vertritt. Eine Wiederaufnahme der Bundesliga zwecks Erhalts des Senders sky und dessen entsprechender Ausschüttungen, das hätte dennoch niemand so schnell erwartet.
Dass dagegen die Kulturszene sich so schwertut, ein Erlösmodell mit politischen Forderungen zu verknüpfen, das erstaunte. Es ist völlig unklar, welche Veranstalter und Künstler überleben werden. Kaum jemand hätte gedacht, dass die Kultur eine derart kleine Lobby hat und sich mit Gratis-Videos im Gedächtnis halten muss. Erstaunlicherweise auch sparten- und regionenübergreifend als extrem unsortierter Flickenteppich.
8. Covid-19 könnte eine Generation prägen
Es gibt, darauf hat die Publizistin Carolin Emcke kürzlich hingewiesen, keine ikonografischen, kollektiven Bilder dieses Virus’: Kein Mauerfall, keine Menschen, die Panzern gegenüberstehen, keine fallenden Türme. Und doch wird uns dieses Frühjahr 2020 noch lange begleiten. Nicht nur, weil es Freunde und Verwandte gibt, die erkrankt oder verstorben sind. Nicht nur, weil es uns noch mehr digitalisiert hat, als wir uns träumen lassen haben. Nicht nur, weil wir in ein paar Jahren Fotos von uns mit Mundschutz anklicken werden.
Sondern, weil es in ganz vielen Lebensbereichen „vor Corona“ und „nach Corona“ geben wird. Keiner weiß, wie künftig wahrer Luxus ausschauen wird. Ob die Ayurveda-Kur im Schwarzwald stattfindet, statt in Sri Lanka. Oder wie unser Alltag auf Dauer verläuft, wenn wir weiter die großen Menschenansammlungen meiden, statt sie zu suchen.
Keiner kann sagen, wer am Ende gut oder schlecht aus dieser Situation herauskommt. Aber es ist wichtig, sich kommunikativ, im Miteinander und strategisch der Entwicklung zu stellen. Das ist eine Voraussetzung fürs Weitermachen.