Patisserie: Die Kugel rollt

In einem kleinen Dorf im Kinzigtal wird seit fünf Jahren hochwertiges Naschwerk in Deutschlands wohl kleinster Pralinenmanufaktur hergestellt. Für Koch und Konditor Egbert Laifer sind die runden Köstlichkeiten eine Liebeserklärung an seine Heimat, für seine Kunden sind sie ganz einfach ein Genuss.

Von Anna-Lena Gröner

Der Moospfaff ist schuld. Die Geschichte der Sagengestalt aus Nordrach im Kinzigtal wurde zu Egbert Laifers ganz persönlicher Erfolgsgeschichte. Ihr verdankt der gelernte Koch und Konditor sein spätes Geschäft. Und doch hat eben genau diese Geschichte schon sehr früh eine Rolle im Leben des heute 46-Jährigen gespielt. Bereits die Großmutter erzählte ihm die Sage vom Moospfaff, einem Mönch, der in den Wäldern der Moos, dem Gebirgszug, der das Renchtal vom Kinzigtal trennt, sein Unwesen treiben würde. Diese Geschichte sollte Egbert Laifers Schicksal werden: An einem Dezembertag im Jahr 2008 wurde der damals 41-Jährige von seiner Tante – zu dieser Zeit Tourismusbeauftragte von Nordrach – gefragt, ob er nicht eine Moospfaff-Praline entwickeln könnte. An diesen Tag erinnert er sich ganz genau. „Ich habe zu ihr gesagt: Angela, gib mir Zeit, ich mach‘ was.“

Wir sitzen in dem kleinen Laden „Choco-L“, in dem Laifer heute seine 26 Pralinensorten verkauft. Beim Hineingehen zieht man reflexartig den Kopf ein, bevor man die Treppenstufe in das etwa 20 Quadratmeter Ladengeschäft hinabsteigt. Und plötzlich steht man in einer prallgefüllten Puppenstube: antike Holzkommoden lehnen sich an rustikale Bauernschränke, darauf und darin stehen regionale Liköre und Schnäpse neben Töpferware und Dekoartikeln aus der Nachbarschaft. Überall begegnet einem die Gestalt des Moospfaffs. An den Wänden dokumentieren in große Rahmen gefasste Fotografien, wer schon alles in den Genuss von Laifers kleinen Köstlichkeiten gekommen ist: Schauspieler Peter Schell (die Fallers), der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck und Ministerpräsident Winfried Kretschmann, von Laifer ehrfürchtig „Landesvater“ genannt. Der kleine Raum ist vollgepackt, wirkt überladen und trotzdem bleibt man gerne hier, denn am hinteren Ende der „Puppenstube“ sind die Köstlichkeiten aufgereiht, nach denen es im ganzen Laden duftet: Laifers Pralinensortiment.

netzwerk südbaden

Für Egbert Laifers Pralinen kommen die Genießer von weit her. Foto: Markus Dietz

Fünf Jahre nachdem er seiner Tante versprochen hatte „ich mach‘ was“ präsentierte der Konditor im März 2013, auf dem Obstbrennertag in Nordrach, seine Moospfaff-Kugel: eine Vollmilch Ganache mit Honig, Nuss-Nougat und Walnusslikör, ummantelt von Pistaziensplittern, die das Moos im Namen wiederspiegeln sollen, im Gaumen aber wesentlich geschmacklicher daherkommen. Die Praline ließ lange auf sich warten, da Egbert Laifer in seinem Hauptberuf als Küchenchef eingespannt war und auch erst im dritten Anlauf restlos zufrieden mit der süßen Kugel war. Aller guten Dinge sind am Ende eine runde Sache und diese war bereits am Nachmittag des besagten Obstbrennertages komplett ausverkauft. Egbert Laifers Pralinenkarriere wurde ins Rollen gebracht. „Was an dem Tag geschah, hat meine Vorstellungskraft gesprengt“, sagt der 46-Jährige heute. Nur sieben Monate später eröffnete Egbert Laifer das Geschäft „Choco-L“ in seinem Heimatort. „So viele Leute hatten mir davon abgeraten: ‚Wie kannst du am Ende der Welt eine Schokoladen- und Pralinenmanufaktur aufmachen?‘. Sie haben mir maximal vier Monate gegeben.“ Doch der Konditor hörte auf sein Bauchgefühl und am 12. Oktober dieses Jahres feierte er mit 200 Gästen das fünfjährige Bestehen von Choco-L.

Karriereweg mit Umdrehungen

Nur mit einer einzigen Pralinensorte war dieser Erfolg selbstverständlich nicht möglich. Wenige Tage nach der Premiere der Moospfaff-Kugel wanderte Egbert Laifer zum ersten Mal den 20 Kilometer langen Obstbrennerweg in und um Nordrach. „Ich habe eine richtige Genusswanderung gemacht und mir wurde erst wieder bewusst, was wir hier Gutes produzieren.“ Und so kam dem Genießer Laifer die Idee, aus den 15 Destillaten, die einem auf den Höfen entlang des Obstbrennwegs serviert werden, 15 köstliche Pralinen zu kreieren – seine persönliche Liebeserklärung an die Heimat. Heute sind die Auftragsbücher voll. Zusammen mit seinem Team, davon arbeiten zwei im Verkauf und eine Konditorin hilft bei der Herstellung, produziert und verkauft Egbert Laifer seine Pralinen täglich frisch. Genauso klein wie der Laden Choco-L ist auch die Manufaktur.

Quasi im Hinterzimmer auf knapp 10 Quadratmetern wird alles handgemacht. Die Zutaten kommen, soweit möglich, aus der Region, die 70 prozentige Zartbitter-Kuvertüre aus Belgien. Konservierungsstoffe, künstliche Aromen, Farbstoffe und sogenannter Läuterzucker haben in den Laifer Pralinen nichts verloren. Das wissen seine Kunden zu schätzen und nehmen dafür oft viele Kilometer in Kauf, um die kleinen Sünden zu naschen. „Vor allem die jungen Leute haben Qualität und Genuss wieder für sich entdeckt“, sagt Laifer. Ein Kunde aus der Schweiz hat gerade 70 Packungen der „großen Obstbrenner“-Schachtel (bestehend aus den 15 Obstbrandpralinen plus die Moospfaff-Kugel) bestellt. Doch verschicken wird Egbert Laifer diese auf keinen Fall. „Das haben wir einmal ausprobiert, aber so wie die Pralinen angekommen sind, mache ich das nie wieder.“ Der Schweizer Kunde wird die Pralinen daher abholen. Ohnehin ist der Pralinenkönig aus Nordrach der Überzeugung, dass man sein Produkt nicht überall bekommen muss.

Kontrollierte Qualität statt ausufernde Masse. Und trotzdem möchte der 46-Jährige expandieren. Allerdings an Ort und Stelle. Schon 2014 hat er im selben Haus, direkt neben seinem Choco-L, die Moospfaffstube eröffnet. Hier finden regelmäßige Pralinenverköstigungen statt, bei denen Egbert Laifer auch die Sage des Moospfaffs und die Entstehung seiner sagenhaften Kugel erzählt, deren Namen und Rezept er sich übrigens im Januar 2014 vom Marken- und Patentamt hat schützen lassen. Vor fünf Monaten hat Laifer schließlich das kleine blaue Haus an der Dorfstraße gekauft, in dem sich Ladengeschäft und Stube im Erdgeschoss befinden. Bis 2020 möchte er im Obergeschoss ein „schnuckliges“ Kaffee eröffnen, bei dem die Gäste neben den Pralinen auch selbstgebackene Kuchen und Torten serviert bekommen.

Choco-L
Im Dorf 13, 77787 Nordrach
Tel.: 0171 / 2958689
Mail: info@choco-l.de

Öffnungszeiten:
Dienstag 17 bis 20 Uhr
Donnerstag 17 bis 20 Uhr
Samstag 14 bis 18 Uhr

www.choco-l.de