Titelstory: Warum wir fragend ins Jahr starten?

Eine Tribüne mit den 24.000 Co-Trainern, die nicht irren können – dieses Phänomen ist inzwischen auf allen Feldern unserer Gesellschaft angekommen: Die besseren Kanzler, CEOs, Drei-Sterne-Köche oder Chefredakteure. Die Bescheidwisser sind überall.

Von Rudi Raschke

Sie führen inzwischen auf vielen Kommentarspalten, auf Leserbriefseiten oder weiterhin in der Wirtshaus-Realität die hätte-wäre-wenn-Geschäfte. Dabei war es ein Jahr, in dem noch mehr alte Gewissheiten über Bord gingen als es viele für möglich gehalten hätten – die Schauplätze reichen von Washington bis Wolfsburg, vom deutschen Fußball in einem Vorort Moskaus bis ins Freiburger Rathaus. Und weil wir in Zeiten leben, in denen vieles immer noch ein wenig schräger wird als erwartet, ist es gar nicht so falsch zu fragen.

Das wollen wir mit dem Titel dieser Ausgabe tun. Auch wenn es früher als falsch galt, Überschriften mit Fragen zu gestalten. Weil es vielleicht andeutet, dass etwas gar nicht sicher ist. Dass es der Verfasser auch nicht weiß. Dass etwas offen bleibt. Diese Regel brechen wir gern. Denn wir leben in einer Zeit, in der es mehr offene Fragen gibt als Antworten. Und da ist Zuhören hilfreicher als über-den- Mund-fahren. Aus diesem Grund haben wir auch mit einigen Experten gesprochen, von denen sich etwas in Erfahrung bringen lässt.

Wobei natürlich keiner alles schon zum Auftakt eines Jahres abschließend beantworten kann. Im Land stehen am 26. Mai Kommunal- und Europawahlen auf dem politischen Kalender. Und damit auch in beiden Fällen ein Bekenntnis zur Demokratie, von dem keiner abschätzen kann, wie groß es ausfallen wird. Eine mindestens so wichtige Entscheidung, wie jene, wie sich der Gemeinderat in den kommenden fünf Jahren zusammensetzen wird, fällt in Freiburg bereits am 24. Februar: Ein Bürgerentscheid, ob ein neuer Stadtteil für bis zu 13.000 Menschen gebaut werden kann – oder eine landwirtschaftliche Brache und die Wohnungsnot erhalten bleiben.

Auch das gehört zur fehlenden Gewissheit: Dass es nur wenige Griffe in den Werkzeugkasten des Besserwissers, des Populisten oder des Besitzstandswahrers braucht, um selbst den Wohnungsmangel anzuzweifeln und seine Beseitigung für überflüssig zu erklären. Obwohl der Kampf für ein Dach überm Kopf genauso wie der Einsatz für die Digitalisierung letztlich etwas sein sollte, das im funktionierenden Gemeinwesen 2019 nicht mit einem Wunsch nach Steinzeit beantwortet werden kann. Dass die Region Südlicher Oberrhein 2019 von einer bundesweiten Konjunkturdelle erfasst werden wird, ist keineswegs sicher.

Sie wird auch nicht zu sehr von der „Berlinisierung“, die weite Teile des Landes erfasst hat – kaputte Verkehrsmittel und -Knoten, mehr Funklöcher als in Albanien, Ideen- und Umsetzungsstillstand – betroffen sein, aber sie kann auch nur bedingt etwas dagegen unternehmen. Schafft es die Region Freiburg allerdings nicht, beim Wohnungsbau mit den Bedürfnissen von Familien, Arbeitnehmern und Unternehmen mitzugehen, dann steht ihr mittelfristig wohl ein regionaler „Frexit“ ins Haus. Also analog zur britischen EU-Entwicklung ein Abkoppeln und eine eher schattige Entwicklung, wo andere Regionen schlicht besser aufgestellt sind für die Zukunft.

Zu dieser Zukunft gehört die Digitalisierung und es wäre auch in Südbaden an der Zeit, dass dieses längst ins Laufen gekommene Fahrgestell nun auch ein wenig hergerichtet wird. Zu oft geht es noch ums generelle „ja“ dazu im Sinne einer Grundsatzentscheidung, die uns längst abgenommen wurde. Zu oft wird unkritisch „was gemacht“, werden altmodische Unternehmenskulturen aus der vordigitalisierten Zeit nicht hinterfragt. Übrigens auch von Verbänden, die selbst auch gern leben dürfen, was sie empfehlen. Oder gleich mit gutem Vorbild vorangehen und mit etwas Demut und Zurückhaltung jene glänzen lassen, die als Betriebe oder Experten etwas zu sagen haben – statt permanent selbst politisch auftreten zu wollen, mit analogem Zeigefinger und Sonntagsreden.

Kritisch dürfen auch die Bürger mit sich sein: Gerade die in Stadtteilvereinen organisierten haben mittlerweile eine Routine darin entwickelt, Forderungen an Verwaltungen zu richten, die jeder Grundlage entbehren, was eine Kommune oder ein Landkreis bereitstellen oder regeln muss. Weniger wäre mehr, auch dass nicht immer die Lautesten sich Gehör verschaffen sollten, sondern die mit den größten Sorgen (Exemplarisch sei der Freiburger Stadtteil Wiehre genannt, der in den vergangenen zwei Jahren das Rathaus auffallend oft als Farbund Stilberatung herangezogen hat: Parkplätze waren zu blau, Häuser zu bunt, Bäume blühen in der falschen Farbe – Luxusnöte im früheren Eine-Welt-Kiez. “Lerne klagen, ohne zu leiden“, nannte es der Journalist Uli Homann einmal).

Und wenn es um Selbstkritik geht: Auch wir Medien tun gut daran, uns immer wieder Fragen zu stellen. Nicht nur weil es in Hamburg Fälschungen rund um Journalistenpreise gab, die in einer ganz eigenen Welt spielen. Wo es um puren Zynismus nicht eines Einzelnen, sondern des ganzen „Spiegel“-Systems geht – dass noch innerhalb des schlimmsten Elends in Syrien ein Superlativ-Elend zu erfinden versucht, um öffentlich unbedeutende Preise zu gewinnen. Mag dies auch eine Chance für unverfälschten, empathischen Lokaljournalismus sein: Um Glaubwürdigkeit müssen wir uns alle bemühen, das gilt für uns wie für die Gegenstände unserer Berichterstattung, die Unternehmen und Verwaltungen.

Wer von ihnen Transparenz, faire Gehälter oder Frauen in Chefpositionen fordert, darf selbst nicht schweigen, wenn im eigenen Medienhaus das gleiche ausbleibt. Oder eben auch eigene Betrugsfälle so behandeln, wie er es in einem Leitartikel von Konzernen verlangen würde. Bei aller Kritikfähigkeit, bei allen großen Fragen zur Zeit (mit hoffentlich auch ein paar Antworten), der großen Sehnsucht, die Digital-Ära auch mit ein wenig Glaubwürdigkeit und menschlich gestalten zu wollen, sollte eine Eigenschaft nicht auf der Strecke bleiben, die gerade den großen Dogmatikern abgeht – von lokalen alles-Verhinderern über autokratische Herrscher in der ganzen Welt: Humor. Speziell die Teildisziplin Selbstironie dürfte auch 2019 gefragt sein, keine Frage.