Bauernhof: Harte Arbeit am Idyll

Hochlandrinder, Ferienwohnungen und Hofladen – wie die Generationen am Steiertbartlehof in Oberried heute wirtschaften und damit ein Beispiel für viele südbadische Bauernhöfe sind.

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Für die Feriengäste ein absolutes Idyll. Doch dahinter steckt harte Arbeit Foto: Ann-Kristin Maier

„Die Zeitumstellung steckt ihnen noch in den Knochen“, sagt Michael Riesterer beim morgendlichen Rundgang durch den Kuhstall. Es ist sechs Uhr und normalerweise würden seine Milchkühe nun alle zum Melken bereitstehen. Stattdessen erwischen wir die eine oder andere Dame beim Stallgefläze. Also erstmal auf die Beine bringen. Melkzeit auf dem Steiertbartlehof in Oberried. Bei Michael Riesterer sitzt jeder Handgriff am Melkstand. Seit 1976 steht diese Maschine bei ihm. Sein Vater August hatte sie angeschafft und auch an diesem Morgen hilft der 78-Jährige noch mit. „Wir haben damals 250.000 DM in den Stallumbau investiert. Heute würde das knapp eine Million Euro kosten und alles wäre hochtechnisiert“, sagt Landwirt Michael Riesterer.

Der Melkstand funktioniert auch nach über 40 Jahren noch einwandfrei. Warum also neu investieren? Bei der Melkstation sind Vater und Sohn eingespielt. Sie kennen jede Kuh, wissen, wer Zicken macht und bei wem auch der Laie mal Hand ans Euter legen darf. Eine Stunde und 32 Milchkühe später ist das morgendliche Ritual geschafft. August Riesterer hatte einst mit zehn „Viechern“ angefangen. „Damals hieß es schon wachsen oder weichen“ sagt sein Sohn. Mehr Kühe sollen es nicht werden. Denn von Massentierhaltung hält der 50-Jährige nicht viel und wie lange der Hof überhaupt noch Milchkühe halten wird, das stehe in den Sternen.

Derzeit kommt alle zwei Tage der Schwarzwaldmilch- Lastwagen und holt rund 900 Liter Milch ab. Dass einige Kollegen in unmittelbarer Umgebung von der Insolvenz der Milcherzeugergenossenschaft (MEG) Ortenau betroffen sind, dafür hat Riesterer nur ein Achselzucken übrig. „Daran sind sie selber schuld. Das hat unsere Genossenschaft von der Schwarzwaldmilch damals viel Geld gekostet, als die wegen der besseren Preisaussichten gewechselt haben.“ Nun bekommen „die“ aktuell gerade einmal 10 Cent für den Liter Milch, die später auf dem Dumpingmarkt angeboten wird. Michael Riesterer erhält immerhin 35 Cent. Treue zahlt sich aus. Trotzdem sind Milchgeschäft und Landwirtschaft nur noch der zweitstärkste Erwerbszweig der Familie Riesterer.

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Michael Riesterer ist auf seinem Hof auf zwei Maschinen angewiesen: die Melkmaschine und sein Stapler. Foto: Ann-Kristin Maier

70 Prozent erwirtschaften sie mittlerweile durch die Vermietung der Ferienwohnungen. Schon in den 70er Jahren hatte Mutter Martha Riesterer auf dem Hof zwei Ferienwohnungen betrieben. Vor rund 25 Jahren wurde ein Anbau an das alte Wohnhaus errichtet und inzwischen haben Riesterers sieben Ferienwohnungen mit insgesamt 26 Betten. Um diese kümmert sich hauptsächlich Michaels Ehefrau Gabi. Beim Frühstück erzählt sie, dass sie mit 16 Jahren auf dem Steiertbartlehof ihre Hauswirtschaftslehre begonnen hat. Auf dem Hof ist sie geblieben, die einstige Lehrherrin ist heute ihre Schwiegermutter. Auch heute sind Gabi Riesterers Aufgaben meist hauswirtschaftlicher Natur. Sie reinigt die Ferienwohnungen, wäscht die anfallende Wäsche, pflegt den Garten und den Hofladen und kümmert sich, ganz nebenbei, noch um den eigenen Haushalt und die Familie mit vier Töchtern. „Ich helfe gerne auch bei den Tieren, beim Melken der Kühe oder beim Ställe misten, aber das schaffe ich leider nur selten“, sagt die 49-Jährige.

Bäuerin war eigentlich immer ihr Traumberuf. Sie selbst stammt aus einer Winzerfamilie in St. Georgen. Mit 21 haben sie und Michael geheiratet, darauf folgten die vier Töchter, die Älteste ist 27. Der Traum von einem Leben ausschließlich als Bäuerin ist für sie inzwischen ausgeträumt, doch Gabi Riesterer hat sich neue gesucht. Gerne möchte sie das auf dem Hof liegende Brennrecht nutzen und gemeinsam mit ihren Töchtern die alte Mühle auf dem Gelände wieder zu neuem Leben erwecken. „Ein Backhäusle mit Schaubacken und einer Brennerei, davon träume ich“, sagt sie und lächelt.

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Gabi Riesterer hat ihre Hauswirtschaftslehre auf dem Steiertbartelof gemacht. Und ist geblieben. Foto: Ann-Kristin Maier

Sind das die neuen Aufgaben einer modernen Bäuerin? Weg vom Vieh, hin zu Hofladen und Ferienidyll. Gebacken wird schon seit Jahren auf dem Steiertbartlehof. Heute laufen immer freitags die Öfen heiß und Gabi Riesterer und ihr Mann bereiten frisches Brot, Brötchen, Hefezopf und Käsekuchen für den eigenen Hofladen zu. Im „Brugga Stüble“, einem kleinen Häuschen auf dem Gelände, werden die eigenen Erzeugnisse angeboten. Marmelade, Aufstrich, Eier und Selbstgebackenes. Eine Kasse steht in der Mitte des urigen dekorierten Stübles, alle Waren sind mit Preisen gekennzeichnet. Die Zeit, selbst im Laden zu stehen, findet hier niemand mehr. Stattdessen vertraut man den Einkäufern. Genau das macht den Charme des Hofes aus. Genau das suchen die Feriengäste. „Die wollen keinen hochtechnisierten Bauernhof oder eine Agrarfarm, sondern das Bauernhofidyll“, sagt Gabi Riesterer. Handarbeit statt Hightech.

Beim freitäglichen Backen ist das ebenfalls gefragt. In der hauseigenen Backstube sucht man vergeblich nach großen Teigknetmaschinen und weiteren Vollautomaten. Stattdessen holen sich Gabi und Michael Riesterer Unterstützung von den Töchtern. Drei von ihnen leben auf dem Hof, eine ist nebenberuflich am Hof angestellt: Die Hauptaufgaben der 24-jährigen Anna-Lena sind die Arbeiten in der Hofbäckerei und die Pferde. Sie kamen vor gut 10 Jahren zu den Milchkühen dazu. „Die Tiere sind vor allem für unsere Hofgäste interessant. Zur Ferienzeit bieten unsere Töchter Ponyreiten an. Versorgt werden müssen die Pferde aber trotzdem das ganze Jahr“, sagt Gabi Riesterer. Auch Hasen, zwei Schweine, Hühner und einige Katzen umrahmen den bilderbuchreifen Bauernhof. Dass dahinter vor allem harte Arbeit und viel Verzicht stehen, bleibt den Gästen verborgen und das soll auch so sein.

Mit der verborgenen harten Arbeit geht es für das Ehepaar Riesterer gleich nach dem Frühstück weiter. Die Kühe müssen mit frischem Futter versorgt werden, anschließend geht es für den Landwirt mit dem Radlader zum zweiten Hof der Familie. Vor sieben Jahren haben sie den nur wenige hundert Meter entfernten Küchlehof gepachtet. Neben zwei großen Ferienwohnungen stehen hier Highland Cattle Rinder und einige Pensionspferde. „Die Hochlandrinder haben wir uns für den Fleischverkauf angeschafft“, sagt Michael Riesterer während er mit dem Lader bis vor die Weide der Mutterkühe fährt. Für sie hat er altes Brot im Gepäck. Bald stehen alle sechs am Zaun und schmatzen. Der Landwirt schätzt die Robustheit und Einfachheit der Tiere. „Die können das ganze Jahr auf der Weide stehen.“ Wenig Arbeit, ein zufriedenstellender Ertrag, das freut den Landwirt.

Das Fleisch der Hochrinder verkauft er auf Bestellung. Geschlachtet werden sie bei Schmidts Wurstlädele in Wittnau-Biezighofen im Hexental. Zurück auf dem Hof wird das Fleisch portionsweise verpackt, vakuumiert und von den Bestellern abgeholt. Ein weiteres Zubrot, weitere Arbeit. Neben der Wirtschaftlichkeit achtet Michael Riesterer vor allem auf die Nachhaltigkeit seines Betriebes – sowohl beim Bewirtschaften der über 60 Hektar Acker- und Grünländer, als auch bei der Energieversorgung des Hofes. Auf dem Scheunendach sitzt eine stattliche Solaranlage – zugegeben, die findet man heute beinahe auf jedem zweiten Schwarzwaldhof – aber auch geheizt wird bei Familie Riesterer mit einer Hackschnitzelheizung und selbst der mobile Hühnerwagen hat seine eigene Solaranlage. Gedüngt werden die landwirtschaftlichen Flächen, neben Gülle ausschließlich mit Kalk und Mineraldünger. Gepflanzt wird, wie es dem Boden gut tut. „Das freut auch die kleinen Tiere im Boden, die für uns wichtige Arbeit leisten“, sagt Michael Riesterer und deutet auf sein Feld, auf dem zuletzt Senf gewachsen ist und nun im Frühjahr der Mais gesät wird.

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Sie sind wohl die pflegeleichtesten Tiere auf dem Steiertbartlehof: die Hühner mit ihrem mobilen Häuschen. Foto: Ann-Kristin Maier

Während er einen Weidezaun entfernt und einen anderen ausbessert, berichtet Riesterer von den Schwierigkeiten, mit denen die Bauern aus der Region zu kämpfen haben. Zu viele Auflagen, neue Düngeverordnungen, die unter anderem besagen, dass nur noch mit einem Schleppschlauchverteiler gedüngt werden darf, und weitere fragliche bis sinnfreie Regelungen werfen gerade Traditionsbetrieben enorme Steine in den Weg. „Die machen es uns Bauern nicht leicht.“ Man müsse sich zwar nicht zwingend für viele tausend Euro einen Verteiler anschaffen, die könne man auch mieten. Dann würde eben ein Fremdbetreiber das eigene Feld düngen. „Der Nachbarhof hat das neulich machen lassen“, berichtet Riesterer. „Das war so ein großer Wagen, der ist irgendwann auf der Wiese stecken geblieben. Und mein Land liegt flach. Überleg mal, wie es den Kollegen da oben geht“, sagt er und zeigt zu den Feldern an der Hanglage des Dreisamtals.

Riesterer nennt weitere Beispiele, deren Sinnhaftigkeit sich für ihn nicht ganz erschließt. Wenn er beispielsweise die größeren Kälber seiner Hochlandrinder vom Küchlehof, der zur Gemeinde Kirchzarten zählt, auf die nur wenige hundert Meter entfernte Wiese am Steiertbartlehof stellen möchte, der wiederum zur Gemeinde Oberried zählt, müsse er seine Tiere tatsächlich ummelden. Nur den Weg aufs Amt spart er sich. „Das kann man, Gott sei Dank, online machen“, sagt der Landwirt, „doch es ist ein unnötiger Zeitaufwand.“ Ein anderes Beispiel: Michael Riesterer wollte den Küchlehof zu einem Biobetrieb machen. Durfte er nicht, da er Betriebsleiter von zwei Höfen ist und er nicht einen konventionellen und einen Bio-Hof führen darf. Das Futter könnte sich vermischen. Zu gefährlich.

Bei so vielen bürokratischen Belangen ist es längst Normalität für die Bauern, nach getaner harter, körperlicher Arbeit auch noch einige Stunden im Büro Ordner und Papierberge zu wälzen. Immerhin behält Michael Riesterer bei alledem ein Lächeln auf dem Gesicht. Er nimmt es, wie es kommt. Auch bei der Frage um die Hofnachfolge bleiben er und seine Frau locker. Ob eine ihrer Töchter den Betrieb später übernehmen wolle? „Das steht noch offen. Uns war es wichtig, dass jede erst einmal einen eigenen Beruf erlernt. Die nächsten 15 Jahre werden meine Frau und ich den Hof noch machen, was danach kommt, wird sich zeigen.“ Ob sich die Milchkuhhaltung auf dem Steiertbartlehof weiter fortsetzen wird, bliebe auch für sie ungewiss. Solange diese Frage nicht geklärt sei, möchte Michael Riesterer auch in keinen neuen Melkstand investieren. Der alte tut’s ja noch.

Von Anna-Lena Gröner