Elektronik: Exoten im Schwarzwald

Das Familienunternehmen Schweizer Electronic in Schramberg wagt sich in den chinesischen Markt, möchte dabei nicht seine schwäbischen Wurzeln verlieren und dennoch weltweit an Bedeutung gewinnen.

Von Anna-Lena Gröner

Wenn Nicolas-Fabian Schweizer von den geschäftlichen Beziehungen mit China erzählt, dann klingt das wie eine romantische Familiengeschichte. Die Rede ist von Vertrauen, jahrelanger Verbindung und einem „Gottesgeschenk“.

Seit acht Jahren leitet der 43-jährige gelernte Jurist den Familienbetrieb Schweizer Electronic in Schramberg im Schwarzwald. Er ist die 6. Generation des börsennotierten Unternehmens, das heute der drittgrößte Leiterplattenhersteller am europäischen Markt ist. Größte Kundenbranche ist die Automobilindustrie, größter Absatzmarkt sind Deutschland und Europa. Doch Europa spielt eine immer kleinere Rolle. „Leiterplatte ist kein einfaches Geschäft, da über 90 Prozent in China stattfindet. Wir sind ein exotischer Betrieb hier in der Region, sowohl wenn es um das Produkt geht, aber auch, wenn es um Leiterplatten in Europa geht. Das ist die letzten zehn bis fünfzehn Jahre stark weniger geworden“ sagt Schweizer sympathisch schwäbelnd.

Um als Schwarzwälder Unternehmen in einer weltweit umkämpften Branche am Ball zu bleiben, hat man sich ein klares Ziel gesetzt: Internationalisierung. Den ersten Schritt nach Asien wagte Nicolas Schweizers Vater, Christoph Schweizer, bereits 1983. Der damalige CEO des Schramberger Unternehmens ging in Singapur ein Joint Venture ein und gründete die Pentex-Schweizer Circuits Ltd. Heute besteht es nicht mehr, die Verbindung zwischen Asien und Schramberg ist trotzdem gewachsen.

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Auf dem roten Teppich: Spatenstich und Grundsteinlegung für das Schweizer-Werk in Jintan. Foto: Schweizer Electronic

2009 gab es eine Partnerschaftsbildung mit dem japanischen Leiterplatten-Unternehmen Meiko Electronics, sie besteht bis heute. 2014 stieg das taiwanesisch-chinesische Unternehmen WUS Printed Circuits bei Schweizer mit ein. Anfangs mit einer symbolischen Beteiligung, inzwischen hat WUS 29,9 Prozent Unternehmensanteile. Möglich war dieser Schritt, nachdem 2017 einer von zwei Familienstämmen aus dem Unternehmen Schweizer ausgestiegen war. „Wir mussten jemanden finden, der bereit war, dieses Paket, grob 25 Prozent, zu übernehmen und hier hatte sich WUS angeboten“, sagt der 43-jährige Geschäftsführer. Er spricht vom „besten Aktionärstausch“, den man sich vorstellen könne und wehrt sich gegen den pauschalen Vorwurf, dass die Motivation asiatischer und insbesondere chinesischer Unternehmen beim Einstieg in Deutschland ausschließlich auf Knowhow abziele und auf Wettbewerb ausschalten ausgerichtet sei.

Die Eltern der beiden Familienunternehmen WUS und Schweizer kennen sich seit den 70er Jahren, Chris Wu führt den elterlichen Betrieb in zweiter Generation. „Der Chris, der sitzt bei uns im Aufsichtsrat“, sagt Schweizer und verdeutlicht durch das selbstverständliche Duzen des chinesischen Kollegen einmal mehr die Verbundenheit zwischen den beiden Geschäftspartnern. Schweizer kennt China, die Menschen und die Kultur seit 30 Jahren, allein im vergangenen Jahr war er sechs Mal im Reich der Mitte. Die Skepsis und den Protektionismus vor allem von europäischer und amerikanischer Seite kann er nicht nachvollziehen. Wer offen und ehrlich miteinander kommuniziere, der sollte keine Probleme bekommen, ist sich Schweizer sicher.

Kommuniziert wird mit Kollege Chris auf Englisch und täglich über die chinesische Messenger-App „WeChat“. Was Nicolas Schweizer an den chinesischen Kollegen schätzt, ist die Schnelligkeit und Zielstrebigkeit, aber auch die Langfristigkeit, mit der sie eine Strategie verfolgen. Ein- oder Zwei-Jahrespläne gäbe es bei den Chinesen nicht. „Sie schauen, wie sich die Gesellschaft und ein bestimmter Markt in zehn bis zwanzig Jahren entwickelt.“ Weiter vergleicht Schweizer China und Europa mit der Formel 1 und einer gemütlichen Oldtimer-Ausfahrt. „Die Geschwindigkeit ist eine höhere, weil auch die Motivation der Menschen eine andere ist. Ich glaube leider, dass wir in Europa und insbesondere in Deutschland in einer schlafenden Lethargie angekommen sind, einer Wohlstandsbequemlichkeit. Uns geht es gut wie nie, wir haben Frieden so lange wie noch nie, irgendwie fühlt sich alles ganz gut an. Wir wissen zwar, es gibt Wettbewerb und Globalisierung, aber eigentlich ist alles noch okay. Und das ist in China anders.“

Von dieser Schnelligkeit und Motivation möchte das Unternehmen Schweizer profitieren. Am 15. November 2017 unterzeichnete der Geschäftsführer eine Investitionsvereinbarung mit der Regierung von Jintan. In der chinesischen Provinz Jiangsu entsteht seither eine Hochtechnologie-Produktionsstätte für Leiterplatten und Embedding-Lösungen. 150 Millionen Euro investiert Schweizer Electronic über die nächsten Jahre in den neuen Standort und erhofft sich ein Umsatzwachstum auf bis zu 500 Millionen Dollar (2018 machte die Schweizer Electronic AG einen Umsatz von 120 Millionen Euro). Kapazitätserweiterung sowie Einstieg und Erschließung des chinesischen Marktes sind Argumente für die Produktionsstätte in Jintan.

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Nicolas-Fabian Schweizer, Geschäftsführer Schweizer Electronic

Trotzdem sei die Unterschrift unter diesem Investitionsvertrag nicht einfach gewesen, gesteht der Jurist. „Nicht, dass ich gehadert hätte, aber das ist echt ein Ding für uns. Wenn es mal läuft, und daran glaube ich, dann wird es gut.“ Vor allem Geschäftspartner und Freund Chris Wu sei in China eine große Unterstützung und Netzwerkhilfe, Schweizer nennt ihn ein „Gottesgeschenk“. Ob die 800 Mitarbeiter im schwäbischen Hauptquartier auch so himmlische Vergleiche zum neuen Produktionsstandort ziehen?

Asien sei für viele im Unternehmen nichts Neues, trotzdem gibt es Sorgen. „Da geht es um klassische Bedenken: man baut etwas in einem Best Cost Country, lächelt die ganze Zeit und irgendwann sagt man ‚Schalter aus, schee war’s‘. Aber das ist weder unser Geschäftsmodell, noch unsere DNA, so einfach ist das“, sagt Schweizer und versichert, dass Schramberg immer der Heimatstandort des Unternehmens bleiben wird. Damit das auch die Kollegen aus Fernost verstehen, werden die Ingenieure von „drüben“ gerne für drei Monate nach Schramberg eingeladen. Mitten im Schwarzwald können sie die deutsche Kultur und die Schweizer Firmenphilosophie erleben.

Warum der Schwarzwald für die chinesischen Unternehmen so spannend ist, darauf hat Nicolas Schweizer schnell eine Antwort: „Hier gibt es die meisten Hidden Champions, die höchste Innovationsquote und treue Mitarbeiter: Was gibt es besseres in Europa als den Schwarzwald?“. Am 3. Juli fliegt der Geschäftsmann wieder nach China, um sich von den Baufortschritten seiner neuen Produktionsstätte ein genaues Bild zu machen. „Ich gehe dort zum Arbeiten hin, nicht zum Glotzen“, sagt der Schwabe. „Das ist kein Satellit da drüben, der vor sich hin wurschtelt. Wir haben einen one-company-Ansatz. Ich möchte nicht, dass es dort eine chinesische und hier eine schwäbische Firma gibt und die Mitarbeiter nichts miteinander zu tun haben und seltsam miteinander im Wettbewerb stehen. Ich möchte wirklich, dass wir kulturell eine Organisation sind. Ich erwarte von den Kollegen in China, dass sie unsere Werte und unsere Systematik akzeptieren und leben.“